Oder auch: Was haben Prozessdurchsatz, KI und Carbonara im selben Artikel verloren?
Die Nutzung von künstlicher Intelligenz verändert die Art wie Menschen ihre Tätigkeiten ausführen. Je nach Erfahrung in Promptakrobatik ist die Augmentierung vorhandener und die Simulation unvorhandener Fähigkeiten möglich. Unabhängig von der Qualität und Richtigkeit eines Ergebnisses, ist ein Punkt in der menschlich-hybriden Zusammenarbeit entscheidend, der meines Erachtens noch wenig Beachtung erhält: Der Durchsatz.
In einem Prozess ist der Durchsatz durch die Anzahl an Einheiten definiert, die in einer gegebenen Zeit als Ergebnis erzeugt werden. Kann ein Restaurant 20 Carbonara-Portionen in 2 Stunden servieren, so ist der Gesamtdurchsatz an Carbonara für das eine Restaurant 10 Carbonara/h.
Stellen wir uns in unserem Gedankenexperiment vor, man würde dem Küchenteam noch 3 Kochroboter an die Hand geben, die auf Carbonara spezialisiert sind. Diese Kochroboter sind hocheffizient. Als erfahrene Gastroinhaber erwarten wir eine Erhöhung des Durchsatzes, und somit eine Erhöhung des Umsatzes (so haben wir das schließlich bei TikTok gesehen).
Also werden die Kochroboter installiert. Der erste Testlauf: Ein großer Erfolg. Die Carbonara ist nach wenigen Minuten fertig, die Eier pasteurisiert aber nicht zu Omelett verarbeitet, die Creme ein Genuss. Das Kochteam ist begeistert. Ein Freund des Inhabers testet die Carbonara: “’Na favola” ist das Verdikt, was aus dem Mund eines Römers, mit passend begleitender Handbewegung, so viel bedeutet wie “ein Märchen”.
So ist die Qualität der Maßnahme validiert und alles startet mit großen Erwartungen in eine neue Arbeitswoche. Der Gastroinhaber kann nicht warten: TikTok und Instagram werden professionell durch die üblichen Verdächtigen, die Streetfluencer bespielt. Es entsteht ein kleiner Hype, Hashtag #carbonator.
Die ersten 10 Kunden kommen, und wollen natürlich die Carbonara ausprobieren. Das Team ist ready, die Carbonara wird zubereitet und serviert, Begeisterung! Gleichzeitig waren auch Gäste da, die von dem Hype nichts gehört hatten, und einfach nur ihre Pasta Frutti di Mare mit einem Cappuccino haben wollten. Diese mussten etwas länger warten, bei einem Cappuccino war versehentlich Hafermilch drin, aber unzufrieden waren die Gäste nicht, nur verwundert, was bei den Nachbartischen mit den ganzen Lavarel-Mikrofonen und Handystativen los war.
Tag 2. Die nächste Welle. Dienstags ist der Mittagslunch schon immer ein Hit gewesen: 3 Gänge für 14 Euro, inkl. Getränk und Espresso – unschlagbar. Das hat schon immer für eine relativ hohe Auslastung gesorgt. Nun kommen die Carbonara Bestellungen dazu. Skalierung ist ja kein Problem, schließlich ist der Prozessschritt durch die Kochroboter “automatisiert”.
Um 11 sieht alles noch gut aus. Um 11:45 fangen 2 der 4 Kellner an “zu schwimmen”: So schnell wie die 3 Kochroboter die Carbonara fertig haben, können sie die gar nicht zu Tisch liefern. Die erfahrenste der Kellner schlägt dem Küchenteam vor: “Lasst doch die fertigen Carbonara-Teller einfach unter der Hitzelampe, solange wir sie nicht abrufen”. Sie fokussiert weiter auf die Mittagsmenüs.
Die Maßnahme scheint vorerst zu greifen: angelehnt an „Kanban“ werden die fertigen Carbonara-Portionen durch die Kellner abgerufen, sobald sie wieder die Möglichkeit haben, diese zu servieren. Jedoch fragen sich nun einige Gäste, warum es bei der Carbonara so lange dauert, schließlich ist ja #carbonator angesagt. Die Rückfragen halten die Kellner weiter auf, bis ein Koch den ersten Roboter ausschaltet, weil kein Platz mehr unter den Lampen ist. Einige Carbonara-Portionen schaffen es noch auf die Tische, sind aber durch die Wärmebehandlung vertrocknet und teils verkocht: Das römische Erlebnis wird reduziert auf die Emulsion eines Dosenproduktes.
Der Dienstag wird noch überlebt, aber Mittwoch früh beruft das Team ein Notfallmeeting mit dem Inhaber ein: Die Roboter müssen weg, die haben nur Probleme gemacht. “Was genau war das Problem, haben die nicht funktioniert?”. “Doch – aber die Gäste waren sehr unzufrieden”. “Hat die Pasta nicht geschmeckt?”, fragt der Gastrochef, “nein, sie war zu trocken”, entgegnet die Kellnerin. Nach einem weiteren hin- und her wird eins postuliert: Die Roboter sind das Problem. Also werden sie wieder abgeschafft, “der Hersteller soll sie wieder abholen”. In der polarisierten Social Media Blase machen sich Memes zu dem Thema breit, Industrialisierungs- und Robotik-Gegner erhalten Rückenwind, einige rufen laut, “wir brauchen einen EU-Carbonara-Act”.
Die Diskussion darüber, ob die Welt Carbonara-Roboter braucht ist eine sehr interessante, auch wenn es keine Markus Lanz Sendung dazu geben wird. Vielmehr zeigt diese Geschichte, dass die tatsächlichen Ursachen nicht sauber analysiert wurden. Das Problem waren nicht die Roboter. Das Problem war die falsche Annahme zu dem Gesamtdurchsatz. Wer einzelne Prozessschritte automatisiert, ohne den Engpass des Gesamtsystems zu betrachten, erhöht nicht zwingend den Gesamtdurchsatz. Das beschreibt unter anderem die Theory of Constraints (ToC).
Der Prozessdurchsatz in der KI-gestützten Softwareentwicklung
Das Beispiel des Restaurants lässt sich auf die Softwareentwicklung übertragen. Da hat die Nutzung von KI erhebliche Effekte, positive wie negative.
Das wird das Thema in einem der nächsten Artikel. Stay tuned!