Agility forever

3. Juli 2026 8 Min. Lesezeit von Wolf Siems

Warum Anpassungsfähigkeit auf der Management-Agenda steht und von Göbekli Tepe vor rund 12.000 Jahren bis heute über das Überleben entscheidet

Seit einem Vierteljahrhundert führt ein Wort die Prioritätenlisten von Vorständen, Verwaltungen und Beratungen an: Agilität. In einer globalen McKinsey-Erhebung nannten drei Viertel der Befragten organisatorische Agilität eine Top- oder Top-3-Priorität ihrer Einheit [1]. Kaum ein Begriff wurde so oft beschworen, so oft missverstanden und so oft für tot erklärt. Und doch verschwindet er nicht. Das ist erklärungsbedürftig. Dieser Beitrag geht der Frage nach, warum, und kommt zu einer These, die über Management hinausreicht: Agilität ist nicht die Methode von 2001. Sie ist die menschliche Grundfähigkeit, unter Druck zu lernen und sich neu zu ordnen. Genau diese Fähigkeit hat über die entscheidenden Wendepunkte der Geschichte hinweg darüber bestimmt, wer fortbesteht.

Ein Wort, das viel älter ist als die Software

Wer Agilität für eine Erfindung der IT hält, irrt um Jahrhunderte. Das Substantiv ist im Deutschen seit dem späten 16. Jahrhundert belegt und seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert geläufig; es geht über französisch agilité auf lateinisch agilitās zurück und bedeutet schlicht Beweglichkeit, Gewandtheit [2]. Das zugehörige Adjektiv agil, körperlich wie geistig beweglich, wurde Mitte des 17. Jahrhunderts aus dem Französischen entlehnt und führt auf lateinisch agilis zurück, „leicht beweglich, lenksam" [3].

Entscheidend ist die Wurzel. Agilis ist abgeleitet vom Verb agere: treiben, in Bewegung setzen, handeln. Im Kern des Wortes steckt also nicht nur Wendigkeit, sondern Tätigkeit. Dieselbe indogermanische Wortfamilie bringt griechisch agein (führen, treiben) und Sanskrit ajati (treibt) hervor [3]. Agilität meint, etymologisch genau gelesen, nicht passive Flexibilität, sondern handelnde Beweglichkeit: die Fähigkeit, sich zu bewegen und dabei etwas zu bewirken.

Der Begriff war nie auf ein Fachgebiet beschränkt. Er beschreibt die Beweglichkeit von Sportlern ebenso wie die stimmliche Agilität einer Sängerin; Friedrich Schlegel sprach um 1800 von der „ewigen Agilität" als Denkfigur [2]. Das ist mehr als eine sprachliche Fußnote. Es zeigt: Was die Softwareentwicklung im Jahr 2001 für sich entdeckte, war ein bereits jahrhundertealter Allgemeinbegriff. Sie hat ihn entliehen, nicht erfunden.

2001: Wie ein Allgemeinbegriff zum Fachbegriff wurde

Im Februar 2001 trafen sich siebzehn Softwareentwickler im Skiresort Snowbird in Utah. Sie vertraten konkurrierende Ansätze, darunter Extreme Programming, Scrum, DSDM und Crystal, und suchten eine Alternative zu den schwergewichtigen, dokumentationsgetriebenen Prozessen ihrer Zeit. Das Ergebnis war das „Manifesto for Agile Software Development" [4][5].

Bemerkenswert ist, dass „agil" nicht die erste Wahl war. Zuvor liefen diese Verfahren unter dem Etikett „leichtgewichtig", einem Namen, den niemand mochte. Alistair Cockburn brachte den Unmut auf den Punkt: Er habe nichts dagegen, seine Methodik als leichtgewichtig zu bezeichnen, wolle aber nicht selbst als Leichtgewicht gelten. Erst in Snowbird einigte man sich auf „agile" [5].

Das Manifest besteht aus vier Wertepaaren. Es schätzt Individuen und Interaktionen höher als Prozesse und Werkzeuge; funktionierende Software höher als umfassende Dokumentation; Zusammenarbeit mit dem Kunden höher als Vertragsverhandlung; und das Reagieren auf Veränderung höher als das Befolgen eines Plans [4]. Der entscheidende Mechanismus liegt im Wörtchen „höher als". Es ist keine Absage an Prozesse, Dokumentation, Verträge oder Pläne, denn die rechte Seite behält ausdrücklich ihren Wert. Es ist eine Gewichtung, kein Verbot.

Dieser Punkt wird bis heute am häufigsten missverstanden. Die agile Bewegung war nie anti-methodisch. Ihre Urheber wollten dem Begriff Methode Glaubwürdigkeit zurückgeben und eine Balance wiederherstellen; sie planen, erkennen aber die Grenzen von Planung in turbulentem Umfeld. Im Kern, so der Mitverfasser Jim Highsmith, ging es um die „weichen" Themen: Werte und Kultur, Menschen über Apparate [5].

Genau diese kulturelle Ladung erklärt beides, den Aufstieg und die spätere Kritik. Denn was als Ansatz der Softwareentwicklung begann, übertrugen Organisationen bald auf sich selbst: Als sie schneller und flexibler werden wollten, erkannten sie, dass die Prinzipien agiler Softwareentwicklung weit über Software hinaus anwendbar sind [1].

Vom Prinzip zur Zeremonie und der vorhersehbare Rückschlag

2002 gründeten Mike Cannon-Brookes und Scott Farquhar das Unternehmen Atlassian; ihr Werkzeug Jira begann als simpler Bug-Tracker für Softwareprojekte. Erst später kamen Boards, Sprints und Backlogs hinzu. Innerhalb weniger Jahre wurde ein Werkzeug für viele zum Synonym für Agilität, ausgerechnet bei einer Bewegung, die Individuen und Interaktionen über Prozesse und Werkzeuge gestellt hatte.

Die Kritik folgte prompt, und sie kam von innen. Schon früh warnte Scrum-Miterfinder Ken Schwaber davor, Scrum als bloße Methodenfassade über unveränderte Arbeitsweisen zu legen [6]. 2015 hielt Dave Thomas, einer der Manifest-Autoren, seinen vielzitierten Vortrag „Agile is Dead": Aus einem Satz gelebter Werte sei ein leeres, überstrapaziertes Modewort geworden [7]. Spätestens als Konzerne ab etwa 2010 begannen, Agilität im großen Maßstab als Transformationsprogramm zu verordnen, inklusive Gantt-Diagrammen und wasserfallartiger Umsetzungspläne, entstand das Phänomen des „faux agile": Es sah agil aus, folgte aber nicht den Werten.

Der wiederkehrende Nachruf auf die Agilität verfehlt jedoch den Kern. Was da regelmäßig für tot erklärt wird, ist die zur Zeremonie erstarrte Methode, das tägliche Stand-up als Pflichtübung, das Board als Selbstzweck. Nicht das Prinzip. Tatsächlich praktizieren manche Organisationen, die das Etikett „agil" lautstark ablehnen, dessen Kerngedanken heute wirksamer als jede zertifizierte Transformation. Die Marke ermüdet; die Idee bleibt. Diese Unterscheidung ist der Schlüssel zur eigentlichen These.

Die These: Agilität ist die Anpassungsfähigkeit, die über das Überleben entscheidet

Wenn man Agilität von ihrer Methoden-Hülle befreit, bleibt ein einfacher Kern: die Fähigkeit, unter Druck zu lernen und sich neu zu ordnen, bevor die alte Ordnung einen überrollt. Dieser Beitrag argumentiert, dass Agilität in diesem Sinne kein Management-Werkzeug ist, sondern die Grundvoraussetzung für Anpassung, und dass Anpassung die Bedingung für Innovation, wirtschaftliche Stabilität und damit gesellschaftliche Handlungsfähigkeit ist.

Diese Lesart hat eine anthropologische Grundlage. Der Harvard-Evolutionsbiologe Joseph Henrich führt den Erfolg der Art nicht auf individuelle Intelligenz zurück, sondern auf kumulative kulturelle Evolution: die Fähigkeit, Wissen über Generationen weiterzugeben, zu verfeinern und an neue Bedingungen anzupassen. Genau das, so Henrich, machte den Menschen weit anpassungsfähiger als andere Arten und ließ Gruppen mit der wirksamsten Kultur gedeihen [8]. Anpassungsfähigkeit ist demnach kein Zusatz, sondern der Kern dessen, was uns als Spezies erfolgreich gemacht hat.

Diese These lässt sich nicht durch Beispiele beweisen; einzelne Fälle können sie nur veranschaulichen. Doch die Wendepunkte der Menschheitsgeschichte zeigen ein wiederkehrendes Muster: Wo Gemeinschaften unter drastischem Druck ihre Ordnung neu erfanden, bestanden sie fort. Drei Beispiele aus drei Epochen, jeweils mit einem anderen Auslöser.

Klima: Göbekli Tepe und die Geburt der Landwirtschaft

Am Ende der letzten Eiszeit, im Übergang von der Jüngeren Dryas zum frühen Holozän, standen die Menschen am oberen Euphrat und Tigris, in der heutigen Südosttürkei am nördlichen Rand des Fruchtbaren Halbmonds, unter klimatischem Dauerstress. Die Phase galt zwar als Erwärmung, enthielt aber wiederkehrende, abrupte Kälteeinbrüche. In genau dieser Region und Zeit vollzog sich der Übergang von mobilen Jägern und Sammlern zu sesshaften Ackerbauern, Hand in Hand mit der Errichtung der ersten monumentalen Bauten wie Göbekli Tepe [9][10].

Das Bemerkenswerte: Der Monumentalbau ist teils älter als der voll entwickelte Ackerbau. Die soziale Innovation, große Gruppen zu koordinieren und gemeinsam zu bauen, könnte den landwirtschaftlichen Umbruch mit angetrieben haben, statt ihm nur zu folgen — so Cauvins Deutung. Nicht die Technik kam zuerst, sondern — dieser Deutung nach — die Fähigkeit, sich unter Druck neu zu organisieren. Die Technik folgte. (Spekulationen über Kometeneinschläge oder „Sternenkalender", die sich um Göbekli Tepe ranken, sind wissenschaftlich nicht belastbar und bleiben hier außen vor.)

Existenzdruck: Die Meiji-Restauration

1853 erzwangen amerikanische Kriegsschiffe in der Bucht von Tokio die Öffnung des zwei Jahrhunderte lang abgeschotteten Japan. Die Reformer zogen aus den Niederlagen Chinas in den Opiumkriegen einen radikalen Schluss: Nur wer sich rasch modernisiert, bewahrt seine Unabhängigkeit. Diese „defensive Modernisierung" war Anpassung als nackte Überlebensstrategie.

Was folgte, war in Tempo und Tiefe beispiellos. Japan schaffte das Feudalsystem ab, löste die Samurai-Klasse auf, führte Wehr- und Schulpflicht ein, entsandte Missionen ins Ausland und holte Experten ins Land: studierend, nachahmend, adaptierend und schließlich übertreffend. Ein Zeitgenosse sagte, er fühle sich, als habe er 400 Jahre gelebt. Das Ergebnis: Japan entging — anders als weite Teile Asiens — der Kolonisierung [11]. Die Kehrseite gehört zur Ehrlichkeit dazu, denn die Reformen forderten hohe soziale Kosten, und derselbe Kurs mündete später in eigenen Imperialismus. Doch die Anpassungsleistung selbst, die Japans Souveränität sicherte, bleibt ein Lehrstück.

Kollaps und Wiederaufbau: das Wirtschaftswunder

1945 war Deutschland materiell und moralisch zerstört: rund zehn Millionen Flüchtlinge, die Ballungszentren in Trümmern, die Wirtschaft zusammengebrochen, ein politisches Vakuum. Was in den folgenden anderthalb Jahrzehnten geschah, gilt als Wirtschaftswunder, auch wenn dieser Begriff die eigentliche Leistung verschleiert.

Die Währungsreform von 1948, die die wertlose Reichsmark durch die D-Mark ersetzte, und die gleichzeitige Abschaffung der Preiskontrollen wirkten unmittelbar: Der Schwarzmarkt schrumpfte rasch, die Industrieproduktion stieg innerhalb kurzer Zeit deutlich, die Arbeitslosigkeit sank über die folgenden Jahre. Bezeichnend ist, dass Ludwig Erhard diese Liberalisierung gegen den Widerstand der Besatzungsbehörden durchsetzte: Anpassung gegen die Beharrungskräfte [12].

Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Es gab nicht die eine Ursache. Der Marshallplan, im populären Gedächtnis oft als alleiniger Auslöser verklärt, machte monetär nur einen kleinen Bruchteil des Nationaleinkommens aus; seine Wirkung war eher psychologisch und politisch. Die neuere Forschung relativiert sogar Währungsreform und soziale Marktwirtschaft als alleinige Triebkräfte und betont die spezifischen Umstände des Wiederaufbaus: das vorhandene Humankapital, die Infrastruktur, den Druck des Kalten Krieges [13]. Das passt zur These: Anpassungsfähigkeit ist nie ein einzelner Hebel. Sie ist die Fähigkeit, viele Faktoren unter Druck neu zu ordnen.

Was die drei Fälle gemeinsam haben

Drei Epochen, drei Auslöser: Klima, Existenzbedrohung, Kollaps. Das gemeinsame Muster ist nicht das Werkzeug, nicht die Erfindung, nicht einmal die Ressource. Es ist die Fähigkeit, die bestehende Ordnung loszulassen und unter Druck eine neue zu bilden, bevor der Druck zur Katastrophe wird. Wer das konnte, bestand fort. Das ist Agilität in ihrer ursprünglichen Bedeutung: agere, handeln, sich bewegen, bewirken.

Ein redlicher Einwand bleibt: Hier wurden ausschließlich gelungene Anpassungen betrachtet. Es gab auch Gemeinschaften, die scheiterten. Doch das schwächt die These nicht, es schärft sie. Denn das Scheitern lag nie am Versuch der Anpassung, sondern an ihrem Ausbleiben.

Die Gegenwart: Bequemlichkeit als unterschätztes Risiko

Daraus folgt eine unbequeme Frage für das heutige Europa. Eine lange Phase ohne existenzielle Krise, ohne Krieg auf eigenem Boden und in stabilem Wohlstand, ist ein historischer Glücksfall. Aber sie kann den Anpassungsdruck senken, der über Jahrhunderte Innovation erzwang. Das ist kein Naturgesetz und keine Kulturpessimismus-Formel vom unausweichlichen Niedergang; solche zyklischen Geschichtsbilder sind wissenschaftlich nicht haltbar. Es ist eine Tendenz, kein Schicksal, denn Wohlstand finanziert auch Forschung und Bildung. Doch das Risiko der Bequemlichkeit ist real, und es lässt sich an einem Indikator ablesen: der Bereitschaft, Neues zu gründen und Bestehendes infrage zu stellen.

Hier schließt sich der Kreis zur Gegenwart. Die heutigen Krisen, von geopolitischer Unsicherheit über demografischen Wandel, Ressourcenverknappung und klimatische Extreme bis zur Inflation, sind der neue Druck. Die Frage ist nicht, ob Agilität als Methode überlebt. Die Frage ist, ob Gesellschaften die Anpassungsfähigkeit bewahren, die sie über zwölf Jahrtausende erfolgreich gemacht hat. Wirtschaftliche Stabilität, gesicherte Beschäftigung und damit die Stabilität demokratischer Ordnungen hängen daran, ob wir unter Druck lernen oder erstarren.

Agilität ist, in diesem Licht, vielleicht nichts anderes als der Name für eine sehr alte Fähigkeit: jene kumulative Anpassung, die aus einer kleinen Gruppe von Menschen eine weltweit erfolgreiche Spezies gemacht hat [8]. Sie war nie nur eine Methode der Softwareentwicklung. Sie ist der Grund, warum es uns noch gibt.

Agility forever.

Über den Autor

Wolf Siems ist Dipl. Kommunikationswirt und Transformation Lead mit über zwanzig Jahren Erfahrung an der Schnittstelle von Digitalisierung, Prozessoptimierung und Organisationsentwicklung. Als geschäftsführender Gesellschafter und Interim-Manager hat er Unternehmen und öffentliche Einrichtungen durch Digitalisierungs- und Restrukturierungsprojekte geführt, von der ERP-Einführung bis zur Prozess- und Dokumentenoptimierung. Er kennt den Unterschied zwischen eingeführten Systemen und solchen, die im Alltag tatsächlich greifen, aus direkter Projektarbeit.

  1. Ahlbäck, Karin; Fahrbach, Clemens; Murarka, Monica; Salo, Olli (2017). How to create an agile organization. McKinsey Global Survey, Oktober 2017, \https://www.mckinsey.com/capabilities/people-and-organizational-performance/our-insights/how-to-create-an-agile-organization.
  2. DWDS -- Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache. Agilität. \https://www.dwds.de/wb/Agilit%C3%A4t.
  3. Harper, Douglas. agile. Online Etymology Dictionary, \https://www.etymonline.com/word/agile.
  4. Beck, Kent; others (2001). Manifesto for Agile Software Development. \https://agilemanifesto.org.
  5. Highsmith, Jim (2001). History: The Agile Manifesto. \https://agilemanifesto.org/history.html.
  6. Schwaber, Ken; Beedle, Mike (2002). Agile Software Development with Scrum. Upper Saddle River: Prentice Hall.
  7. Thomas, Dave (2014). Agile is Dead (Long Live Agility). Blogpost, 4. März 2014, \https://pragdave.me/blog/2014/03/04/time-to-kill-agile.html; Keynote GOTO Amsterdam 2015.
  8. Henrich, Joseph (2015). The Secret of Our Success. Princeton: Princeton University Press.
  9. UNESCO World Heritage Centre (2018). Göbekli Tepe. UNESCO World Heritage List, Ref. 1572, \https://whc.unesco.org/en/list/1572/.
  10. Cauvin, Jacques (2000). The Birth of the Gods and the Origins of Agriculture. Cambridge: Cambridge University Press.
  11. Encyclopaedia Britannica. Meiji Restoration. \https://www.britannica.com/event/Meiji-Restoration.
  12. Encyclopaedia Britannica. Wirtschaftswunder. \https://www.britannica.com/money/Wirtschaftswunder.
  13. Abelshauser, Werner (2004). Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945. München: C.H. Beck.